Am 29. Mai ging der Travis Scott x Air Jordan 1 Low “Shy Pink” (IQ7604-100) für 159,99 € über den Ladentisch, über SNKRS und eine Handvoll Shops, die sich eine Raffle leisten konnten. Knapp vier Monate später stehen bei uns elf Angebote von elf Anbietern im Preisvergleich, und keines davon kommt auch nur in die Nähe dieses Betrags. Das günstigste liegt bei 394 €, das teuerste bei 613 €. Das ist kein Preis mehr, das ist ein Kurs.
Was man für das Geld bekommt
Seien wir fair zum Schuh selbst, denn der kann wenig dafür. Es ist der Air Jordan 1 Low nach dem Rezept, das wir inzwischen von jedem Cactus-Jack-Low kennen: ein umgedrehter Swoosh, genarbtes Leder in einem Cremeton, den Nike “Muslin” nennt, eine hellere Zehenbox in Sail und eine Midsole, die bewusst leicht vergilbt wirkt, damit der Schuh getragen aussieht, bevor man ihn getragen hat. Neu ist diesmal die Farbe: Swoosh, Außensohle und Fersenlasche sind zartrosa, dazu hier und da ein kleiner roter Akzent in den Details. Ein sauberer, ruhiger, sommerlicher Schuh. Gut tragbar, ordentlich verarbeitet, soweit man das auf einem Foto beurteilen kann, und niemand muss sich damit an den Füßen schämen.
Tun wir aber auch nicht so, als wäre hier etwas entworfen worden. Wer den Olive oder den Reverse Mocha danebenstellt, sieht exakt denselben Schuh mit einer anderen Farbe an drei Stellen. Der Designaufwand passt auf einen Post-it. Das ist nicht schlimm, man sollte es nur wissen, bevor man 400 € überweist.
Der Hype ist das Produkt
Denn diese 394 € zahlt man nicht für Leder. Man zahlt für die Auflage, und die Auflage ist genau so klein, wie sie sein muss, um diesen Preis zu erzeugen. Nike und Cactus Jack wissen das längst; SNKRS ist bei diesen Releases weniger ein Shop als eine Lotterie mit angeschlossener Kasse. Wer sich anschaut, wonach die Leute rund um diesen Schuh suchen, findet “raffle”, “release date”, “price” und den Namen einer Resale-Plattform. Kaum jemand sucht danach, wie er aussieht. Das Produkt ist nicht der Sneaker, das Produkt ist das Reinkommen.
Unser Hypescore steht bei 79, in der Phase RADIATING, und das ist eine ehrliche Messung dessen, was gerade passiert. Aber man sollte auch lesen, woraus er sich zusammensetzt: Das Resale-Signal steht am Anschlag, die Verfügbarkeit weit darunter. Das ist kein Schuh, der von allein populär wurde, sondern einer, der populär gemacht wurde, indem man ihn nicht geliefert hat. Hype als Nebenprodukt eines guten Designs ist das eine. Hype als Geschäftsmodell ist etwas anderes, und hier haben wir das Zweite.
Der deutsche Markt: zehn Marktplätze, ein Shop
Was der Vergleich für Deutschland außerdem zeigt: Von den elf Anbietern sind zehn Resale-Marktplätze und genau einer ein regulärer Webshop. Reguläre Ware im Sinne von “liegt im Regal, kostet UVP” gibt es für diesen Schuh in Deutschland schlicht nicht mehr. Und “ab 394 €” ist eine Größe bei einem Anbieter; zwischen dem günstigsten und dem teuersten Listing liegen für exakt denselben Karton über 200 €. Wer auf eine schnelle Abkühlung hofft, kann auf die vorherigen Lows schauen: Der Olive von 2024 steht bei uns in Deutschland noch immer ab 340 €. Die Geschichte dieser Linie ist für Abwarter nicht ermutigend.
Grail or Bail
Kein schlechter Schuh. Aber ein schlechter Deal, es sei denn, man hat ihn für 159,99 € gewonnen, dann herzlichen Glückwunsch. Wer jetzt kauft, finanziert das Geschäftsmodell anderer und bekommt dafür einen ruhigen cremefarbenen Low mit rosa Swoosh. Das kann eine bewusste Entscheidung sein, und dann ist es dein Geld. Aber nenn es dann keinen Grail, nenn es einen Kauf. Wer ihn trotzdem will, schaut im Preisvergleich neben diesem Text nach der eigenen Größe, denn dort tut er am wenigsten weh. Weitere Jordan-Releases, bei denen der Preis noch etwas mit dem Schuh zu tun hat, stehen ganz normal auf der Markenseite.

